Esparsette (Onobrychis viciifolia) ist eine mehrjährige Leguminose, die als Futterpflanze vor allem aufgrund ihres Gehalts an kondensierten Tanninen wissenschaftliches Interesse geweckt hat. Im Gegensatz zu vielen anderen Futterleguminosen enthält Esparsette natürlicherweise relevante Mengen dieser sekundären Pflanzenstoffe, die verschiedene ernährungsphysiologische Eigenschaften beeinflussen können (Marais et al., 2000; Wang et al., 2015; Mora-Ortiz & Smith, 2018).
Kondensierte Tannine in Esparsette
Kondensierte Tannine (Proanthocyanidine) sind pflanzliche Polyphenole, die mit Proteinen, Kohlenhydraten und anderen Makromolekülen Komplexe bilden können. Sie gelten als charakteristische Inhaltsstoffe der Esparsette und tragen wesentlich zu deren biologischen Eigenschaften bei (Marais et al., 2000; Gea et al., 2011; Wang et al., 2015).
Der Gehalt und die Zusammensetzung der kondensierten Tannine können je nach Sorte, Entwicklungsstadium und Umweltbedingungen variieren (Re et al., 2014; Wang et al., 2015). Die biologische Wirkung wird dabei nicht nur durch die Konzentration, sondern auch durch die chemische Struktur der Tannine beeinflusst (Gea et al., 2011; Hatew et al., 2016).
Einfluss auf die Proteinverwertung
Kondensierte Tannine besitzen die Fähigkeit, reversible Bindungen mit Proteinen einzugehen. Dadurch kann ein Teil des Futterproteins vor einem raschen mikrobiellen Abbau geschützt werden (Wang et al., 2015; MacAdam & Villalba, 2015).
In Untersuchungen an Wiederkäuern wurde gezeigt, dass tanninhaltige Futtermittel wie Esparsette den Proteinabbau im Pansen reduzieren und dadurch einen größeren Anteil des Futterproteins für die Verdauung in nachgelagerten Darmabschnitten verfügbar machen können (Hoste et al., 2015; Wang et al., 2015; Min et al., 2020).
Dieser Effekt wird häufig als Verbesserung der Proteinverwertung beschrieben. Gleichzeitig kann eine effizientere Nutzung des aufgenommenen Stickstoffs zu einer Verringerung von Stickstoffverlusten beitragen (Wang et al., 2015; MacAdam & Villalba, 2015).
Da Pferde keine Wiederkäuer sind und die Verdauung von Protein überwiegend im Dünndarm erfolgt, können die beschriebenen Mechanismen nicht unmittelbar auf das Pferd übertragen werden. Dennoch wird diskutiert, dass die proteinbindenden Eigenschaften der Tannine auch im Verdauungstrakt des Pferdes Einfluss auf die Verfügbarkeit von Nährstoffen haben könnten (Hansen et al., 2023).
Antiparasitäre Eigenschaften
Ein weiterer Schwerpunkt der Forschung betrifft die möglichen antiparasitären Wirkungen der in Esparsette enthaltenen Tannine. Mehrere Untersuchungen und Übersichtsarbeiten berichten über Effekte tanninhaltiger Pflanzen auf gastrointestinale Nematoden bei Weidetieren (Hoste et al., 2015; Desrues et al., 2017; Manolaraki et al., 2022).
Dabei werden sowohl direkte Wirkungen auf verschiedene Entwicklungsstadien der Parasiten als auch indirekte Effekte über eine verbesserte Nährstoffversorgung und Immunfunktion des Wirtes diskutiert (Hoste et al., 2015; Desrues et al., 2017). Esparsette zählt zu den am häufigsten untersuchten tanninhaltigen Futterpflanzen in diesem Zusammenhang (Desrues et al., 2017; Manolaraki et al., 2022).
Die Mehrheit der verfügbaren Studien wurde jedoch an Wiederkäuern durchgeführt. Für Pferde liegen bislang deutlich weniger wissenschaftliche Daten vor, weshalb Aussagen zur Wirksamkeit im Rahmen eines Parasitenmanagements nur eingeschränkt möglich sind.
Potenzielle Bedeutung für die Pferdefütterung
Aufgrund ihres Gehalts an kondensierten Tanninen wird Esparsette zunehmend als ergänzendes Futtermittel für Pferde diskutiert. Dabei stehen insbesondere mögliche Effekte auf die Proteinverwertung, den Stickstoffstoffwechsel und die Darmgesundheit im Mittelpunkt des Interesses (Hansen et al., 2023).
Darüber hinaus wird untersucht, ob tanninhaltige Futtermittel einen Beitrag zu nachhaltigen Strategien des Parasitenmanagements leisten können. Für eine abschließende Bewertung der Wirksamkeit beim Pferd sind jedoch weitere kontrollierte Studien erforderlich.
Fazit
Die wissenschaftliche Literatur beschreibt Esparsette als tanninhaltige Leguminose mit besonderen ernährungsphysiologischen Eigenschaften. Kondensierte Tannine können Proteine binden und dadurch deren Abbau im Verdauungstrakt beeinflussen. Studien an Wiederkäuern deuten auf eine verbesserte Stickstoffeffizienz und eine erhöhte Verfügbarkeit von Protein in nachgelagerten Darmabschnitten hin (Wang et al., 2015; MacAdam & Villalba, 2015). Darüber hinaus werden antiparasitäre Effekte gegenüber gastrointestinalen Nematoden beschrieben (Hoste et al., 2015; Desrues et al., 2017). Für Pferde ist die Datenlage bislang begrenzt, weshalb viele der beschriebenen Wirkungen derzeit als potenzielle Vorteile betrachtet werden müssen.
Literaturverzeichnis
Desrues, O., Mueller-Harvey, I., Pellikaan, W. F., Enemark, H. L., & Thamsborg, S. M. (2017). Condensed tannins in the gastrointestinal tract of cattle after sainfoin (Onobrychis viciifolia) intake and their possible relationship with anthelmintic effects. Journal of Agricultural and Food Chemistry, 65(7), 1420–1427. https://doi.org/10.1021/acs.jafc.6b05830
Gea, A., Stringano, E., Brown, R. H., & Mueller-Harvey, I. (2011). In situ analysis and structural elucidation of sainfoin tannins for high-throughput germplasm screening. Journal of Agricultural and Food Chemistry, 59(2), 495–503.
Hansen, H. H., Mikkelsen, B. L., Jensen, S. K., et al. (2023). The effect of sainfoin (Onobrychis viciifolia Scop.) drying temperature and pelleting on in vitro fermentation characteristics using equine faecal inocula. Animal Feed Science and Technology.
Hatew, B., Stringano, E., Mueller-Harvey, I., et al. (2016). Impact of variation in structure of condensed tannins from sainfoin on ruminal fermentation characteristics. Journal of Animal Physiology and Animal Nutrition, 100(2), 348–360.
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Mora-Ortiz, M., & Smith, L. M. J. (2018). Onobrychis viciifolia: A comprehensive literature review of its history, etymology, taxonomy, genetics, agronomy and botany. Plant Genetic Resources, 16(5), 403–418.
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