Hanf (Cannabis sativa L.) enthält eine Vielzahl biologisch aktiver Inhaltsstoffe, darunter Cannabinoide. Zu den bekanntesten Cannabinoiden zählt Cannabidiol (CBD), das im Gegensatz zu Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC) keine psychoaktive Wirkung besitzt. In den vergangenen Jahren hat CBD sowohl in der Humanmedizin als auch in der Veterinärmedizin zunehmende wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhalten. Insbesondere mögliche Auswirkungen auf Stress, Angstverhalten, Schmerzempfinden und Entzündungsprozesse werden untersucht (Kogan et al., 2020; Verrico et al., 2020).
Das Endocannabinoid-System
Die biologischen Wirkungen von Cannabinoiden werden überwiegend über das Endocannabinoid-System (ECS) vermittelt. Dieses komplexe Regulationssystem besteht aus körpereigenen Endocannabinoiden, Cannabinoid-Rezeptoren sowie Enzymen für deren Synthese und Abbau (Lu & Mackie, 2016).
Das Endocannabinoid-System ist an zahlreichen physiologischen Prozessen beteiligt, darunter die Regulation von Stressreaktionen, emotionalem Verhalten, Schmerzempfinden, Immunfunktionen und Homöostaseprozessen (Lu & Mackie, 2016; Kogan et al., 2020).
Studien aus der Human- und Tiermedizin deuten darauf hin, dass CBD verschiedene Signalwege des Endocannabinoid-Systems modulieren kann, ohne dabei direkt die psychoaktiven Effekte von THC hervorzurufen (Verrico et al., 2020).
CBD und Stressregulation
Stressreaktionen werden unter anderem über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) gesteuert. Diese beeinflusst die Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol und spielt eine zentrale Rolle bei der Anpassung des Organismus an Belastungssituationen (McEwen, 2007).
Experimentelle Studien an verschiedenen Tierarten sowie Untersuchungen am Menschen weisen darauf hin, dass CBD die Aktivität stressassoziierter neuronaler Systeme beeinflussen kann. Dabei wurden anxiolytische, also angstlösende, Effekte beschrieben, die möglicherweise mit einer Modulation serotonerger und endocannabinoider Signalwege zusammenhängen (Blessing et al., 2015; Kogan et al., 2020).
Mehrere Übersichtsarbeiten kommen zu dem Schluss, dass CBD grundsätzlich das Potenzial besitzt, stress- und angstbezogene Reaktionen zu beeinflussen. Die Stärke dieser Effekte scheint jedoch von Faktoren wie Dosierung, individueller Sensitivität und Anwendungsdauer abhängig zu sein (Blessing et al., 2015; Verrico et al., 2020).
Aktuelle Datenlage beim Pferd
Für Pferde ist die wissenschaftliche Evidenz derzeit begrenzt. Die bisher veröffentlichten Untersuchungen konzentrieren sich überwiegend auf Sicherheit, Pharmakokinetik und Verträglichkeit verschiedener CBD-Produkte (Ryan et al., 2021; Williams et al., 2024).
Einige Pilotstudien und Fallberichte diskutieren mögliche Auswirkungen auf Stressverhalten, Wohlbefinden oder Schmerzmanagement. Die vorhandenen Daten reichen jedoch bislang nicht aus, um eine gesicherte Aussage über die Wirksamkeit von CBD zur Reduktion von Stress oder Angst beim Pferd zu treffen (Ryan et al., 2021; Kogan et al., 2020).
Daher werden viele der derzeit im Pferdebereich diskutierten Anwendungen vor allem aus Erkenntnissen der Humanmedizin sowie der Forschung an Hunden und anderen Tierarten abgeleitet (Kogan et al., 2020).
Mögliche Anwendungsbereiche
Im Pferdebereich wird CBD häufig im Zusammenhang mit Situationen diskutiert, die mit erhöhtem Stress verbunden sein können. Dazu gehören unter anderem:
- Transport und Ortswechsel,
- Turnier- und Wettkampfsituationen,
- Boxenruhe während Verletzungs- oder Rehabilitationsphasen,
- Management chronischer Belastungssituationen.
Für keine dieser Anwendungen liegt derzeit eine ausreichende Zahl kontrollierter Studien vor, die eine routinemäßige Empfehlung wissenschaftlich absichern würde.
Rechtliche Aspekte im Sport
Bei der Verwendung cannabinoidhaltiger Produkte im Pferdesport sind die geltenden Regularien der jeweiligen Verbände zu beachten. Je nach Produktzusammensetzung können Cannabinoide oder deren Metaboliten bei Doping- beziehungsweise Medikationskontrollen relevant sein. Insbesondere Verunreinigungen mit THC stellen ein potenzielles Risiko dar (FEI, 2025).
Vor dem Einsatz entsprechender Produkte im Turniersport sollte daher stets die aktuelle Rechts- und Verbandslage geprüft werden.
Fazit
Cannabidiol (CBD) wird aufgrund seiner Wechselwirkungen mit dem Endocannabinoid-System als potenziell interessante Substanz zur Modulation von Stress- und Angstreaktionen untersucht. Studien aus der Human- und Kleintiermedizin beschreiben mögliche anxiolytische Effekte sowie Einflüsse auf stressassoziierte Regulationsmechanismen (Blessing et al., 2015; Kogan et al., 2020).
Für Pferde ist die wissenschaftliche Evidenz derzeit jedoch begrenzt. Die verfügbaren Untersuchungen konzentrieren sich überwiegend auf Sicherheit und Pharmakokinetik, während belastbare Wirksamkeitsnachweise für Stressreduktion oder Verhaltensveränderungen bislang fehlen (Ryan et al., 2021). CBD sollte daher in der Pferdefütterung als Forschungsgebiet mit potenziellem Nutzen, aber noch unzureichender Evidenz betrachtet werden.
Literaturverzeichnis
Blessing, E. M., Steenkamp, M. M., Manzanares, J., & Marmar, C. R. (2015). Cannabidiol as a potential treatment for anxiety disorders. Neurotherapeutics, 12(4), 825–836.
FEI. (2025). Equine Anti-Doping and Controlled Medication Regulations.
Kogan, L. R., Hellyer, P. W., & Downing, R. (2020). The use of cannabidiol in veterinary medicine: A review. Frontiers in Veterinary Science, 7, 557. https://doi.org/10.3389/fvets.2020.00557
Lu, H. C., & Mackie, K. (2016). An introduction to the endogenous cannabinoid system. Biological Psychiatry, 79(7), 516–525.
McEwen, B. S. (2007). Physiology and neurobiology of stress and adaptation. Physiological Reviews, 87(3), 873–904.
Ryan, D., Rankins, D., Wilson, J., et al. (2021). Pharmacokinetics and safety of cannabidiol in horses. Journal of Equine Veterinary Science, 97, 103339.
Verrico, C. D., Wesson, S., Konduri, V., et al. (2020). A randomized, double-blind, placebo-controlled study of cannabidiol on anxiety and stress. Cannabis and Cannabinoid Research, 5(1), 21–30.
Williams, M. R., Coverdale, J. A., & Leatherwood, J. L. (2024). Current perspectives on cannabinoid use in equine medicine. Animals, 14(2), 312.